09.01.2020
Ärztliche Versorgung im Landkreis Miltenberg

Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes Bayern und Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Vereinigung Bayern informiert über Lage im Landkreis und gibt Handlungsanweisungen mit auf den Weg

Mömlingen. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos, und es gibt Zeichen der Hoffnung“ – so könnte man die zweistündige Veranstaltung im Mömlinger Bürgersaal in der Alten Schule am Donnerstagabend zu-sammenfassen. Die Freien Wähler des Landkreises hatten einen hochrangigen Experten eingeladen: Dr. Christian Pfeiffer, seit 27 Jahren Allgemeinarzt mit der Praxis in Giebelstadt, ist Bezirksvorsitzender des Hausärzteverbandes Bayern und war nach Mömlingen als Vorstandsbeauftragter der Kassenärztlichen Verei-nigung Bayern gekommen. Das Thema seines informativen Vortrags: „Hausärzteversorgung im Landkreis Miltenberg – wir müssen handeln!“
Eines machte Hans Jürgen Fahn für die Freien Wähler (FW) gleich zu Beginn klar: „Die Kommunalpolitik im Landkreis war in Sachen Hausärzteversorgung schon früh aktiv und hat sich parteiübergreifend um eine Verbesserung der schwierigen Lage bemüht.“ Wie aktiv in dieser Frage die FW waren, konnte er faktenreich nachweisen und wurde darin von FW-Geschäftsführerin Jessica Klug aus Obernburg nachdrücklich unter-stützt. Dr. Pfeiffer begann seinen Vortrag mit einer aktuellen Nachricht, die „mir meinen Besuch im Land-kreis Miltenberg diesmal besonders angenehm gemacht hat.“ Bekanntlich sind vor kurzem die Kinderarzt-sitze im Landkreis um 2 auf 6,5 erhöht worden – eine Chance, die angespannte Situation deutlich zu verbes-sern. Der Landkreis Miltenberg profitiert von der neuen Bedarfsplanung spürbar – und die zahlreichen Besu-cher stimmten Fahn zu, als er die gute Arbeit in der Gesundheitsregion plus lobte. Die neue Bedarfsplanung des Bundesausschusses in Berlin, der paritätisch aus Kassen- und Ärztevertretern besteht, wirkt sich auch in
anderer Hinsicht bei uns positiv aus: Sowohl bei den Kinderärzten wie auch bei den Hausärzten ist nun zwischen
Sulzbach und Amorbach nicht mehr von einer Überversorgung die Rede und der Planungsbereich ist
nicht mehr für neue Sitze gesperrt – bei Kinderärzten im Unterschied zu Aschaffenburg. Bei Hausärzten bedeutet
das, dass im Landkreis zehn Zulassungsmöglichkeiten bestehen. Voraussetzung ist natürlich, dass sich
auch Bewerber für diese Stellen finden.
Und da gibt es nach wie vor Grund für große Skepsis: Ein Hausarzt im Publikum berichtete darüber, ein potentieller
Nachfolger einer Praxis stehe zehn Anbietern von Praxen gegenüber, Ärzte hätten also große Probleme,
einen Nachfolger zu finden. Ohnehin sollte man eher von einer Nachfolgerin sprechen, weil die Frauen
inzwischen klar in der Überzahl sind. Pfeiffer machte deutlich, dass man von einem deutlich veränderten
Ärztebild ausgehen müsse. Die Bereitschaft, eine Einzelpraxis zu übernehmen, hat drastisch abgenommen,
junge Kolleginnen und Kollegen legten großen Wert auf eine gesunde „Work-Live-Balance“ und zögen eine
Gemeinschaftspraxis oder ein Medizinisches Versorgungszentrum vor.
Im Gespräch mit den Zuhörern – viele von ihnen Fachleute – ging Pfeiffer auf konkrete Maßnahmen zur
Verbesserung der Situation ein, bevor sich die Situation in der Hausärzteversorgung noch mehr zuspitze. Darunter
waren wichtige Reformen, die aber erst auf längere Sicht wirken, weil es beispielsweise rund elf
Jahre vom Beginn des Medizinstudiums bis zu seinem Abschluss dauert. Die Zahl der Studierenden müsse
deutlich erhöht werden – und die Änderung der Zulassungsbeschränkung wäre ein erster wichtiger Schritt
dazu. Pfeiffer räumte ein, dass man auch um eher unpopuläre Maßnahmen kaum herumkommen werde.
Dazu gehören z.B. die „Patientensteuerung“, also möglicherweise die Einschränkung der freien Arztwahl,
vor allem aber die Rückkehr zur Hausarztzentrierten Versorgung. Auch die Eigenbeteiligung der Patienten
könnte dazu beitragen, die europaweiten Spitzenwerte der Deutschen bei der Zahl der Arztbesuche auf das
notwendige und sinnvolle Maß zu beschränken. Die Kommunalpolitik müsse alles dafür tun, um mit einer
Optimierung der regionalen Infrastruktur junge Ärzte auch für das Land zu gewinnen. Die KVB leistet da
schon wichtige Unterstützung wie Hilfen bei der Niederlassungssuche, mit finanziellen Förderungen (s. Infokasten),
mit Patenprogrammen und mit Aktionen wie „Region sucht Arzt“. Für Pfeiffer sehr zu empfehlen:
„Verah“, der ‚Einsatz von Versorgungsassistentinnen in der Hausarztpraxis. Auch in seiner Praxis habe er
gute Erfahrungen mit solchen medizinischen Fachangestellten gemacht, die nach einer Zusatzausbildung Patienten
in vorgegebenem Umfang selbstständig betreuen und damit den Hausarzt entlasten können. @ Heinz Linduschka